Editorial

by Katja Mierke, Dominic-Nicolas Gansen-Ammann, Wera Aretz

 

Gesellschaftliche Veränderungen, neue Technologien sowie eine immer stärkere globale Vernetzung haben in den letzten Jahren zu einer drastischen Beschleunigung und Intensivierung von Bildungs- und Erwerbsleben geführt. Bereits in Schule und Studium werden durch die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre und durch die Hochschulreform hin zum Bachelor-/Mastersystem gleiche Lernleistungen in weniger Zeit erwartet. In der Arbeitswelt stellen neue Rollenmuster und stetiger, oft rasanter organisationaler Wandel angesichts von Globalisierung, Diversifizierung, schnellem Wachstum und Krisen massive Anforderungen an die Flexibilität der Erwerbstätigen. Ständige Erreichbarkeit durch moderne Kommunikationsmittel steigert den Erwartungsdruck auf Mitarbeiter und Führungskräfte zusätzlich. Einerseits birgt diese dynamische Entwicklung für alle Seiten ein enormes Innovations- und Entfaltungspotenzial, andererseits wird das Individuum oft bis an seine Belastungsgrenzen oder darüber hinaus gefordert. Die Folgen – Fehlzeiten, psychische und physische Stresssymptome bis hin zu Burnout und Erwerbsunfähigkeit – gehen nicht allein auf Kosten des Einzelnen und seines subjektiven Wohlbefindens, sondern sind selbstverständlich auch für Arbeitgeber, Volkswirtschaft und Gesellschaft von Bedeutung.
Dieses Spannungsfeld spiegelt sich in den Artikeln der vorliegenden Ausgabe wider, die sich mit unterschiedlichen Betrachtungsebenen und Interventionsansätzen im Feld von Wandel im Bildungssystem und in Organisationen, von Leistungskultur und Stress befassen:
Simon Pfleging und Claudia Gerhardt: Ausgebrannte Studierende – Burnout-Gefährdung nach dem Bologna-Prozess.
Die Autoren haben an einer umfangreichen Stichprobe erhoben, inwieweit nach der Bologna-Reform im Vergleich zum „alten“ System eine gestiegene Burnout-Gefährdung bei Studierenden festzustellen ist und welche Bewältigungsstrategien sie nutzen. In ähnlicher Weise wurden im zweiten Beitrag, ebenfalls an einer umfangreichen Stichprobe, die Zusammenhänge zwischen dem subjektiven Belastungserleben, Selbstwirksamkeit, Kontrollerleben und der Nutzung funktionaler versus dysfunktionaler Bewältigungsstrategien bei Studierenden fokussiert.
Bettina Frost und Katja Mierke: Stresserleben und Stressbewältigung bei Studierenden. Funktionale und Dysfunktionale Strategien und weitere Einflussfaktoren.
In einem weiteren Originalbeitrag stehen die Auswirkungen von organisationalen Veränderungen im Arbeitsleben im Mittelpunkt: Die Autoren stellen auf Basis einer qualitativen empirischen Studie heraus, welche Rolle soziale Werte und ein gemeinsamer kultureller Hintergrund bei der Fusionierung von Abteilungen spielen und wie diese so gestaltet werden kann, dass sich kulturelle Synergien konstruktiv entfalten können:
Pernille Stroebaek und Joachim Vogt: Cultural Synergy and Organizational Change: From Crisis to Innovation
Auch die Beiträge in unserer Rubrik Wissenschafts-Praxis-Transfer befassen sich mit dem Thema Organisationskultur im Leistungskontext bzw. mit der Flexibilisierung beruflicher Werdegänge. Heidbrink und Brenner stellen ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren zur Messung von Hochleistungskultur vor und berichten erste Erfahrungen aus der Erprobungsphase:
Marcus Heidbrink und Stephanie Brenner: Messung von Hochleistungskultur: Kostruktion, Optimierung und Erprobung des HPO-Analyzers
Veränderte Lern- und Arbeitsbedingungen und die Abkehr von klassischen Berufsbiografien haben schließlich auch zur Folge, dass aktuell immer mehr berufsbegleitende Studiengänge angeboten und genutzt werden, die eine Weiterqualifikation ohne Ausstieg aus dem ersten Arbeitsmarkt ermöglichen. Im Beitrag von Budik und Koautoren wurde empirisch untersucht, wie die Absolventen dieser Studienform durch Personalverantwortliche wahrgenommen werden und welche Zusammenhänge es u.a. zur Unternehmensgröße gibt:
Katharina Budik, Christine Cremerius, Timo Förster, Barbara Lier, Sebastian Lorenz, Kathrin Teichmann und Patrizia Thamm: Beurteilung eines berufsbegleitenden Studiengangs durch Personalverantwortliche.
Abgerundet wird die vorliegende Ausgabe durch einen Beitrag in der Rubrik Methoden der angewandten Wirtschafts- und Medienpsychologie, in dem die Autoren methodische Probleme in der Medien- und Werbewirkungsforschung aufzeigen, die auf einer Konfundierung von Antwortmaßen basieren, und zugleich einen Lösungsvorschlag liefern:
Jens Woelke und Steffen Kolb: Wenn Mediendarbietungen Antwortleistung und Antwortdisposition gleichzeitig bestimmen. Ursache-Wirkungs-Konvergenz als Problem der medien- und werbepsychologischen Forschung und Item-Response-Analyse als ein Lösungsvorschlag.
Wir hoffen, unseren Leserinnen und Lesern damit eine interessante und vielseitige Zusammenstellung von Beiträgen zu bieten.

Köln im Juni 2013
Katja Mierke, Dominic-Nicolas Gansen-Ammann und Wera Aretz